Gegen die beiden »Absoluten«, Nick Brauns

OPIFG Kundgebung in Teheran, 7 März 1980 [Fotograf: H. Mahini]
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Ein Buch liefert Einblicke in die Geschichte der Guerillaorganisation der Volksfedajin Irans Von Nick Brauns

Am 8. Februar 1971 griffen neun Revolutionäre eine Polizeistation im Ort Siakhal in der nordiranischen Provinz Gilan an, um gefangene Genossen zu befreien. Diese Aktion gilt als Beginn des bewaffneten Kampfes der marxistisch-leninistischen Guerillaorganisation der Volksfedajin Irans (OIPFG) gegen die Diktatur des Mohammed Reza Schah.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Siakhal-Operation hat der Zusammenschluss Prison’s Dialog aus ehemaligen politischen Gefangenen aus dem Iran die Untersuchung »Geschichte, Struktur und Politik der Guerillaorganisation Volksfedajin Irans« herausgegeben. Bei dem Buch handelt es sich um eine leicht überarbeitete und um Biographien wichtiger Akteure ergänzte Diplomarbeit, die Huschang Karim Dinarvand 1989 an der Freien Universität Berlin verfasst hatte.

Kurdistan- 1980: OIPFG-Peschmerga
Kurdistan- 1980: OIPFG-Peschmerga

Der Autor ist bemüht, die Entstehung der OIPFG im Kontext der Arbeiterbewegung des Iran zu erklären. Das erste Drittel des Buches liefert einen politischen und sozioökonomischen Überblick von 1890 bis zur sogenannten weißen Revolution 1961, einer vom Schah angeordneten Landreform. Geschildert wird die Entstehung der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Partei, die kurzlebige Sowjetrepublik in Gilan Anfang der 1920er Jahre und schließlich die Gründung der moskautreuen Tudeh-Partei 1941. Tudeh habe nie versucht, eine eigenständige gesellschaftliche Analyse des Iran zu erstellen, sondern stets die Interessen der UdSSR in den Vordergrund gestellt und sei nie über bürgerlich-reformistische Standpunkte hinausgekommen, geht Dinarvand hart mit dieser heute noch bestehenden Partei, der einige der OIPFG-Gründer angehört hatten, ins Gericht.

Nach dem CIA-gesteuerten Putsch gegen den antiimperialistisch orientierten Premierminister Mohammed Mossadegh 1953 hörte die zuvor starke Tudeh-Partei bis Ende der 1970er Jahre auf, als Organisation im Iran zu existieren. Die dadurch entstandene Lücke in der Opposition begann nun die islamische Geistlichkeit um Khomeini zu füllen. Ein niedergeschlagener Volksaufstand 1963 verdeutlichte das Fehlen einer radikalen linken Alternative. Gleichzeitig analysierten die intellektuell geprägten linken Zirkel im Iran die Erfahrungen revolutionärer Bewegungen in Kuba, Vietnam und China.

Die iranischen Arbeiter lebten unter den sozialen Bedingungen des 18. Jahrhunderts und erfreuten sich nur des einen »Privilegs« des 20. Jahrhunderts – der Polizeiherrschaft, schrieb Amir Parviz Pooyan, einer der maßgeblichen Vordenker der Volksfedajin. Die Macht ihrer Feinde und die eigene Unfähigkeit, sich von ihrer Herrschaft zu befreien, werden als absolute Gegebenheiten angesehen. Nur durch die Zerstörung dieser beiden »Absoluten« könne das Proletariat in den politischen Kampf gezogen werden, Pooyan sah in der Anwendung revolutionärer Gewalt den einzigen Weg, um eine Verbindung zu den Volksmassen herzustellen.

Während der Revolution, die 1979 zum Sturz des Schah führte, gelang es den OIPFG, massenhaften Einfluss in Fabriken, an Universitäten und Schulen, in der Frauenbewegung und unter nationalen Minderheiten wie den Kurden und Turkmenen zu erlangen. »Dies führte dazu, dass einige Monate nach dem Aufstand die OIPFG zu einer der größten Organisationen im Mittleren Osten angewachsen war«, schreibt Dinarvand. Anders als die Tudeh-Partei bewahrten die Volksfedajin ihre Distanz zur neuen politischen Führung des Iran um Ajatollah Khomeini, die – anfangs mit Wohlwollen des Imperialismus – die sozialrevolutionäre Aufstandsbewegung in die gemäßigten Bahnen der Islamischen Republik lenkte.

Doch schon 1980 kam es über die Frage der Einschätzung des Klassencharakters des neuen Regimes zu einer Spaltung der OIPFG. Die Mehrheit des Zentralkomitees schätzte die Politik der Islamischen Republik nach der Besetzung der US-Botschaft als antiimperialistisch ein, näherte sich der Tudeh-Partei an und schwor dem bewaffneten Kampf ab. Eine von nur zwei Mitgliedern der Führung repräsentierte Minderheit beurteilte die Politik der Mullahs als lediglich antiamerikanisch und widersetzte sich der faktischen Liquidation der Guerillaorganisation. Dinarvand erklärt den Opportunismus der Mehrheit damit, dass zahlreiche aus den Gefängnissen befreite Mitglieder ohne praktische Erfahrung, aber mit besserer theoretischer Ausbildung als die aus dem Untergrundkampf kommenden Kader unter Verheimlichung ihrer abweichenden Auffassungen in die Parteiführung vorgerückt seien. Dass die Mehrheit zum Beweis ihrer Friedfertigkeit das Wort Guerilla aus ihrem Namen strich und Minderheitsgenossen an die Islamisten denunzierte, schütze sie ebensowenig wie die Tudeh-Partei vor einer wenig später einsetzenden blutigen Verfolgung durch die Islamische Republik.

Leider geht aus dem Buch wenig über die tatsächliche Arbeitsweise und Struktur der Volksfedayin hervor. Dies mag neben Sicherheitsüberlegungen zum Zeitpunkt der Abfassung der Arbeit der Tatsache geschuldet sein, dass Dinarvand als einer der Verantwortlichen für die Sympathisantenorganisation der Volksfedajin in der BRD deren Kampf vornehmlich aus der Ferne verfolgt hatte. Dass 30 Jahre später für die Veröffentlichung von Dinarvands Buch die Chance vertan wurde, darin die von früheren Mitgliedern der OIPFG im Exil veröffentlichten Erfahrungen einfließen zu lassen, ist bedauerlich. Denn über die ebenso lehrreiche wie tragische Geschichte der Linken des Iran liegt nur wenig deutschsprachige Literatur vor.

Referenz: https://www.jungewelt.de/artikel/399938.politisches-buch-gegen-die-beiden-absoluten.html

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