Ich bin eine Frau…, Mojdeh Arci

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In der islamischen Republik Iran ist die Frau dem Manne gleichgestellt. Zumindest was die Behandlung in Gefängnissen und in Folterkammern angeht.

Es geschah im Dezember 1982. Die Familie saß abends vor dem Schlafengehen noch zusammen. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, meine zwei Brüder und schließlich ich als die jüngste Tochter. Gegen 22.30 Uhr läutete es an der Tür. Ich öffnete und stand einem bärtigen, großgewachsenen Mann gegenüber. Zwei weitere Männer entdeckte ich in einem Auto am Straßenrand. Der Mann in der Tür nannte meinen Namen und fragte, ob diese Person zu Hause wäre. Im ersten Moment erstarrte ich, verlor aber nicht die Nerven. Eine Reihe von Überlegungen, was würde passieren wenn… schossen automatisch durch meinen Kopf. Im nächsten Augenblick sagte ich: „Ja, ich bin es selbst“.

„Wir haben einige Fragen bezüglich ihrer Freunde. Sie müssen mitkommen“, sagte der Mann bestimmt. Er ließ mir keine Zeit. Kurze Verabschiedung unter Tränen. Eine Hose durfte ich mir nicht mehr anziehen. Mir wurden die Augen verbunden und das Auto fuhr mit einem Ruck los. Ich hatte furchtbare Angst. Aber ich konnte mich noch kontrollieren. Das Auto nahm eine scharfe Linkskurve und fuhr gleichzeitig steil bergab. Da wusste ich sofort, dass wir kurz vor dem Ewin-Gefängnis waren.

Das Volk hatte dieses Gefängnis gleich in den ersten Tagen der Revolution im Februar 1979 erobert. Die zumeist politischen Gefangenen wurden unter volksfestartigen Demonstrationen befreit. Wochenlang konnte jeder, der wollte, das Gefängnis besichtigen. Ich war oft da. Daher wusste ich nun auch mit verbundenen Augen wo ich mich befand.

Man brachte mich zunächst in einen Raum, wo ich mit dem Gesicht zur Wand stehen sollte. Meine Augen waren immer noch verbunden, aber durch einen Schlitz zwischen Nase und Wange konnte ich etwas sehen. Ich hörte das Geschrei von Männern, die ganz in der Nähe gefoltert wurden. Insgesamt waren es neun, wie ich nach und nach zählen konnte. Die ganze Zeit hörte ich, wie sie unter unerträglichen Qualen schrieen. Schon spürte ich meinen eigenen Folterschmerz. Ich wusste, ich war als nächste dran. Irgendwann verlor ich meinen Zeitsinn.

In meiner Nähe hing ein Gefangener, der gefoltert worden war, an den Händen gefesselt am Eisengitter des Fensters. Als der Pasdar den Raum verließ, bat er mich um Wasser. Ich fragte ihn: „Kann man es aushalten? Wohin schlagen sie mit dem Kabel?“ – „Überall hin, aber vor allem auf die Fußsohlen“, sagte er, und dann: „Wenn du entschlossen bist und nicht schlapp machst, kannst du es aushalten.“

Die Reihe war an mir. Mit verbundenen Augen und in einen Tschador eingewickelt fesselten sie mich an Händen und Füßen fest an die Folterbank. Ein Mann setzte sich auf meinen Rücken und hielt meinen Mund zu, damit ich nicht zappeln und nicht schreien konnte und damit die Hiebe richtig sitzen. Es waren nur Männer um mich, die abwechselnd schlugen. Ich versuchte in meiner Verzweiflung, meine Gedanken auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Aber je mehr ich das versuchte, desto stärker spürte ich den Schmerz. Es war, als ob alle meine Sinnesorgane sich dort unten auf den Fußsohlen befanden und jeder Hieb sie alle gleichzeitig traf.

Irgendwann verlangte ich auf die Toilette gehen zu dürfen. Einer der Männer sagte drohend: „Mach schnell, sonst komme ich hinein.“ Immer befürchten sie den Selbstmord ihrer Folteropfer und damit den Verlust von Information.

Prison's Dialogue
Prison’s Dialogue

Im Spiegel erkannte ich mich kaum wieder: Gesichtsfarbe graugelb, Augen tief eingesunken, drum herum schwarze Ringe.

In dieser Nacht brachten sie mich in eine Zelle ohne die gewünschten Informationen bekommen zu haben. In einer Ecke zusammengekauert war ich hier mit meinen Schmerzen allein. Ich, ein 19-jähriges Mädchen, das bis dahin ein geordnetes Leben geführt hatte. Wenn die schrecklichen Schmerzen am ganzen Körper nicht gewesen wären, hätte ich das, was in jener Nacht mit mir passiert war, für einen Alptraum gehalten.

Am frühen Morgen des darauf folgenden Tages brachte mich ein Mann aus der Zelle in die Folterkammer zu anderen Gefangenen. Wieder stellte er dieselben Fragen und wieder bekam er keine Antwort. Daraufhin schlugen sie wütend mit Händen und Füßen auf mich ein. Irgendwann brach mein Brustbein durch einen heftigen Fußtritt. Wieder wurde ich an die Folterbank gefesselt. Die Kabelhiebe trafen die schon wunden Fußsohlen. Die Schmerzen waren zum wahnsinnig werden. Ich weiß nicht mehr, wie lange das alles gedauert hat. Erst in der Zelle kam ich wieder zu mir. Diese Art von Folter schien für mich vorerst beendet zu sein.

Nach acht Monaten in Gemeinschaftshaft wurde ich mit verbundenen Augen vor das Gefängnisgericht in Ewin gestellt. Ohne Rechtsbeistand verurteilte mich der religiöse Richter Naijeri innerhalb von zehn Minuten zu fünf Jahren Haft.

Die politischen Gefangenen müssen nach dem Ablauf ihrer Haftzeit in einer Art Interview, das auf Videoband aufgezeichnet wird, ihre früheren Ansichten widerrufen, ihre Loyalität zum islamischen Regime bekunden, einige vorbereitete Texte vorlesen und unterschriftlich bestätigen, dass sie gut behandelt worden sind. Nur so ist eine Entlassung möglich. Ich weigerte mich jedoch das zu tun und blieb weitere zehn Monate in Einzelhaft.

Vorher hatte ich schon oft gehört, wie bedrückend die Stille in der Einzelhaft sei. Häftlinge, die durch lange Einzelhaft psychisch krank geworden waren, wurden in unsere Gemeinschaftszelle verlegt, um uns zu zermürben.

Ich fand mich aber in meiner Einzelzelle „gut“ zurecht. Unendlich scheinende Zeit und Stille nutzte ich dazu, um über mich, über das Vergangene und über das Zukünftige nachzudenken. Neun Stunden lang am Tag ging ich im Schnellschritt durch die Zelle. Drei Stunden übte ich heimlich Joga. Ich sprach laut mit mir, um die Stimmbänder aktiv zu halten, erzählte mir meine eigenen Erinnerungen, sang, lachte laut, tanzte. Das alles musste in peinlicher Heimlichkeit geschehen, sonst hätte mir noch mehr Folter gedroht.

Die Haft in der Gemeinschaftszelle wurde auch dadurch unerträglich, dass man jeden Tag viele Stunden die sogenannten „ideologischen Kurse“[i] über sich ergehen lassen musste. Ab dem Jahr 1986 wurde die Tür der Zelle nur dreimal täglich für sehr kurze Zeit geöffnet. Die tägliche Körperpflege, das Spülen des Geschirrs, der Toilettengang hatten meist in weniger als einer Minute zu geschehen. Diese Umstände verursachten bei vielen chronische Nieren-, Magen- und Darmkrankheiten.

30 Stunden Kloverbot war z.B. eine Strafe.

Die Zelle war so klein, dass wir uns kaum bewegen konnten. Ca. 45 Personen wurden in eine 15m²-Zelle gesperrt. Besonders in der Nacht war es nicht einfach. Jede von uns hatte nur zwei Soldatendecken und auf dem kalten Boden nicht mehr Platz als genau den der Körpergröße. Im Gefängnis Ghezel-Hesar durften wir den Sonnenuntergang nicht anschauen. Das war zu einer Zeit, in der nahezu alles verboten war. Alle Kontakte zur Außenwelt wurden uns verwehrt. Wir sollten uns nur noch mit „unserer Welt“ im Gefängnis auseinandersetzen. Briefe, die wir bekamen, durften wir unseren Mithäftlingen nicht zum Lesen geben. Auch Dinge des täglichen Gebrauchs, wie z.B. Zucker, Zitronensaft, Zahnpasta usw. durften wir nicht gemeinschaftlich benutzen. Oder wir mussten unsere Pantoffeln immer am Körper tragen. Auch nachts mussten wir sie unter den Kopf legen, damit andere sie nicht benutzten.

Wir sollten so den Torturen als Einzelindividuen ausgesetzt sein und kein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. „Tars, Tanhaii, Erschad“ – „Terror, Isolation, religiöse Belehrung“ – auf diesen drei Schlagworten basierte die Ideologie der Gefängnisse.

Es war üblich, die Haftbedingungen ständig zu ändern, damit die Opfer sich nicht an die Umstände gewöhnten und sich so womöglich in der Haft zurechtfanden. Aus demselben Grund wurde auch die Art und Weise der Folterprozeduren regelmäßig geändert. Die Gewöhnungsfähigkeit des Menschen erkannte die Gefängniswache als Gefahr.

Eines Tages kam der Gefängnisdirektor zu mir und fragte, ob ich bereit wäre das bereits erwähnte Interview für meine Freilassung abzugeben. Als ich mich weigerte, sagte er: „Ihr Frauen seid außerordentliche Geschöpfe. Ihr könnt euch sehr schnell an eure Umgebung gewöhnen und euch auch unter den schlechtesten Umständen zurechtfinden. Wir lassen das aber nicht zu. Wir werden so lange neue Verhältnisse schaffen, bis ihr zur Vernunft kommt. Und wenn nicht, werdet ihr diesen Ort nicht lebend verlassen.“

Im Islam funktionieren die Gefängnisse anders als im Westen. Es sind Stätten der Erziehung und keine Orte, in denen einer eine seiner Straftat angemessene Haftzeit absitzt. Das bedeutet also: werde ein ordentlicher Mensch nach unseren Maßstäben oder krepiere. Im Jahre 1988 fand eine große „Säuberung“ statt. Viele Tausende von politischen Gefangenen wurden hingerichtet. Ich wurde 1990, nach acht Jahren, zusammen mit einer Reihe meiner Mitgefangenen entlassen; ohne öffentliches Interview, ohne Loyalitätserklärung und ohne eine Bescheinigung darüber, dass ich gut behandelt worden sei.

[i] Ideologische Kurse: Man kann diese Kurse mit einer Art Gehirnwäsche vergleichen. Meistens lief es hierbei so ab, dass eine Gruppe von Gefangenen in einen Raum geführt wurde. Hier wurde ihnen z.B. ein religiöses Video gezeigt, oder ein Mullah redete von Religion und Gott. Koranverse und religiöser Gesang gehörten dazu. Wächter passten auf, dass niemand unaufmerksam wurde.

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