Der Trier Marx, Manochehr

Der Trier Marx
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As PDF-Datei: Der Trier Marx

   Bei den Feierlichkeiten zum zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx wurde unter Anwesenheit von GegnerInnen, BefürworterInnen, neugierigen ZuschauerInnen und einer bunten Presse ein roter Vorhang beiseitegeschoben und eine Statue von Marx der Öffentlichkeit präsentiert. Plötzlich waren die Anwesenden mit einer Riesenskulptur, mindestens drei Mal größer als sie selbst, konfrontiert. Plastiken in solchen Dimensionen zur Verherrlichung einer Person sind im heutigen Europa sehr selten.

Nachdem die Statue enthüllt worden war, kam sowohl die Position als auch die von Trier für die Statue ausgewählte Blickrichtung zum Vorschein. Marx ist mit dem Rücken gen Osten gewandt, wohingegen sein Blick und der angedeutete Schritt nach Westen zeigen.

Die monumentale Bronzestatue von Marx ist das Werk des chinesischen Staatskünstlers und Bildhauers Wu Weishan. Sie ist ein Geschenk der Volksrepublik China an Marx’ Geburtsstadt Trier. Die Statue wurde am 5. Mai 2018 am Simeonstiftplatz feierlich eingeweiht. Mit einer Höhe von 4,7 Metern und einem Gewicht von 2300kg ist sie auf der obersten von drei Ebenen eines pentagonförmigen Sockels aufgestellt. Von jeder Seite können die Betrachter die drei Stufen hochsteigen und sich der Bronzestatue nähern. Die Höhe der Stufen aus dem vulkanischen Basaltstein ist nicht gleich, nach oben hin verringert sie sich. Zusammen mit dem Sockel ist die Höhe des Monuments 5,50 Meter. Ursprünglich beabsichtigte der Künstler eine Höhe von 6,30 Metern. Jedoch reduzierte sich die Höhe nach Diskussionen und Verhandlungen mit der Stadt Trier. Es wurde mitgeteilt, dass die Höhe den Geburtsmonat bzw. Tag von Marx, also den 5. Mai, nach dem gregorianischen Kalender wiedergäbe. (Wäre Marx im Januar geboren, würde die Statue gartenzwergenhaft wirken, bzw. wäre sie bei einem Geburtstag in Dezember so hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude!)

Weishan hat Marx im mittleren Alter, in einem einfachen langen Mantel mit großem zeitgenössischen Kragen dargestellt. Die Plastik hat eine vertikale Ausrichtung und Marx’ Gesicht macht einen unbeteiligten Eindruck. Der Körper der Statue wirkt starr und spießbürgerlich,  die Brust ist nach vorne gedrückt. Die Proportionen gleichen denen eines groß gewachsenen, sportlichen und stattlichen Mannes, der ein Model sein könnte. Die obere Körperhälfte wirkt steif und in sich geschlossen. Die Arme zeigen keine Regung. Die Betrachter sind mit einer Statue konfrontiert, deren Arme und Hände am Oberkörper anliegen, ohne Ausdruck von Willenskraft oder Fähigkeit. Der rechte Arm ist vor der Brust angewinkelt und hält den rechten Kragen leicht fest. Diese Haltung ist ohne Funktion und wirkt nur als Pose. Der linke Arm hängt nach unten und hält ein Buch. Rein aus Sicht der Proportionen fällt die rechte Hand klein und zierlich aus. Der Kopf wirkt an der Spitze der vertikalen Körperachse sehr steif und zeigt nicht die kleinste Neigung nach rechts, links, oben oder unten und führt so den steifen Eindruck des Oberkörpers fort. Der nach vorne gerichtete Kopf schaut, parallel zum Boden, verloren in die Ferne. Die kleinen und engen Augen liegen unter den übertrieben hervorragenden Augenbrauen sehr tief und verstärken die fehlende Ausstrahlung. Anstelle der breiten und ausdrucksstarken Augen, die wir von Bildern von Marx kennen, sind wir hier mit einem knochigen, relativ zierlichen und kleinen, aber ausdruckslosen Gesicht konfrontiert. Eine schmale und langgezogene Nase, passend zum zierlichen Gesicht der Statue, entfremdet Marx vollständig. Das Gesicht ist im Vergleich zu früheren Arbeiten viel feiner ausgearbeitet. In Summe hat es nicht den Ausdruck eines Denkers mit einem tiefgehenden und charismatischen Blick. Eher ist die Komposition des Gesichts geprägt von Gleichgültigkeit. Nur die Augenbrauen und die engen Augen verleihen dem Gesicht ein wenig Charakter. Dieser Blick kann nicht der Blick von Marx sein.

Das Gewicht der Statue ist gleichermaßen auf die graziösen Beine und kleinen Füße, mit dem Abstand eines normalen Schrittes, verteilt. Die Nachahmung eines Schrittes in Bewegung wirkt verhalten. Der Unterkörper deutet den Versuch einer Bewegung nach vorne an oder ahmt diesen nach. Der Wind hat die rechte, untere Seite des langen Mantels nach außen gestülpt und fördert zwischen der vertikalen Körperachse und der des rechten Beins und Arms eine Bewegung zu Tage. Diese gekrümmte Linie vom unteren Ende des Mantels reicht bis zum Arm, geht in eine parallele Linie über und mündet in eine weiche Kurve, bevor sie sich in den rechten Kragen des Mantels einfügt. Die Bewegung des Windes auf der rechten Vorderseite des Mantels und die Verteilung des Gewichts auf die Beine verleihen der steif wirkenden Statue den Hauch des Schwebens, beinahe wirkt sie leicht. Die ganze Plastik erscheint, unter Beachtung der Position des rechten Arms, wie eine demonstrative Pose. Die Wirkung der Statue, oder der Bewegung, ist aus vier Perspektiven des Betrachtens nicht gleich. Von vorne ist durch den Schritt nach vorne eine vermeintliche Bewegung sichtbar, während sie seitlich betrachtet statisch und bewegungslos wirkt. Die ganze Statue drückt durch die Haltung der rechten Hand eine zur Schau gestellte Arroganz aus.

Weishan versucht mittels einer expressiven Sprache der gesamten Statue Ausdruck zu verleihen. Die Oberfläche der Plastik hat den Charakter von in Bronze konserviertem Ton. Trotz der unruhigen Oberfläche wirkt die Grenze zwischen Masse und Raum ruhig.

Von vorne lenken die gebogenen Linien des Mantels den Blick von unten nach oben zum Kopfe hin. Wenn die BetrachterInnen sich aufgrund ihrer eigenen Größe nicht klein fühlen, so werden sie dennoch definitiv eine große, ihnen gegenüber jedoch indifferente, Skulptur sehen. Zusätzlich zur Größe der Skulptur betonen die drei Stufen des Sockels die Ungleichheit zwischen den Betrachtern und dem Objekt.

Die ganze Plastik ruht. Vor ihr ist der Raum offen und ein gepflasterter Platz. In einigen Metern Abstand wird die rechte Seite durch eine alt wirkende Ziegelmauer eines Gebäudes eingegrenzt. Diese Mauer haucht der Statue historischen Charakter ein. Das Denkmal befindet sich nicht in der Mitte des Platzes. Es ist außerhalb des Zentrums des Raumes platziert. Trotz seiner Größe wirkt es isoliert und an den Rand gedrängt.

Die Statuen von Persönlichkeiten sind immer eine subjektive Interpretation der Persönlichkeit durch die Künstler selbst. Wenn es eine Auftragsarbeit ist, ist der Bildhauer gezwungenermaßen bei der Gestaltung den Wünschen des Auftraggebers verpflichtet. Skulpturen von Persönlichkeiten sind eine voluminöse Masse und gleichzeitig ein Versuch, die Eigenschaften oder Ideen der Person darzustellen.


Aufgrund des statischen Charakters einer Plastik und der anderen Limitierungen, versuchen Künstler neben der Figur selbst, durch Haltung, Pose, Blick und Symbolen, bzw. der Positionierung der Arbeit an einem besonderen Ort, oder aber durch die Auswahl des Materials, der Komposition, durch Spiele von Licht und Schatten, … die Bedeutung und den Inhalt des Werkes zu vermehren.

Der Bildhauer hat bei seiner Arbeit hier ein Buch benutzt. Weishan hat der linken Hand der Statue ein Buch mitgegeben. Diese Hand hängt am Körper anliegend nach unten. Das Buch baut keine Verbindung mit der gesamten Wirkung der Statue auf. Ein Buch könnte die Beziehung von Marx zum Studieren, Denken, Wissen oder seinen Ideen aufbauen, obwohl dieses Symbol für die bekannte Persönlichkeit von Marx, dessen Werke millionenfach aufgelegt worden sind, seltsam anmuten mag. Weishan hat die Nase von Marx fein hervorgehoben und ein wenig spitz geformt. Das hat nichts mit den bekannten Bildern von Marx gemeinsam. Diese Abweichung ist sicherlich nicht den mangelnden Fähigkeiten des Meisters zuzuschreiben. Es wird behauptet, dass in China eine langgezogene Nase ein Symbol für Schönheit, Vollkommenheit, Lebensfreude und Begeisterung darstellt. Vielleicht hat Weishan aus diesem Grunde die Nase von Marx so zierlich gestaltet.

Wu Weishan ist ein chinesischer Meisterbildhauer und 56 Jahre jung. In einigen Werken Meister Weishans wird seine geografische Zugehörigkeit sichtbar. Seine Werke erinnern die Betrachter manchmal an chinesische Aquarellmalerei, die Form und Volumen annehmen. Seine Auszeichnungen und Positionen sind: Kurator des chinesischen Nationalmuseums, Vizepräsident des Chinesischen Künstlerverbands, Präsident des Vereins für Bildhauerei im städtischen Raum, Leiter der Abteilung Bildhauerei der Kunstakademie Chinas, Direktor der Akademie der schönen Künste von Nanjing. Er konnte immer von den Mitteln und der Unterstützung des Staates profitieren. Dies alles zeigt seine Nähe zum Zentrum der regierenden Macht. Natürlich wird die Beauftragung eines solchen Werks, das von der chinesischen Regierung als ein Symbol der Freundschaft zwischen den beiden Ländern Deutschland und China gedacht worden ist, im Zentrum der Macht entschieden.

Es kann behauptet werden, dass diese Interpretation von Marx in Trier dem Ästhetikverständnis der „kommunistischen Partei“ Chinas und der Kultur des Landes entspringen. Das Denkmal erinnert die Betrachter an die Statuen der früheren „realsozialistischen Ostblockländer“, welche manchmal mit einem offenen Mantel ihren Arm hochhielten. Die Kunst in jenen Ländern musste akademisch, ideal, einfach und materialistisch sein. In diesen Ländern war diese Kunstform unter dem Namen des sozialistischen Realismus bekannt und die einzig staatlich legitimierte Form der Darstellung, welche der Bildhauerei und den bildenden Künsten insgesamt einen besonderen Wert beigemessen hat. Ihr Ziel und ihre Funktion waren die Vorstellung der Werte der herrschenden Macht. Diese Pflicht galt zuvorderst für Bereiche der Gesellschaft, wie die Erziehungswissenschaften oder die bildendenden Künsten, die den neuen Menschen zeigen und propagieren sollten. Insofern war nur eine Richtung der Kunst in den Ländern legitim und daher der staatlichen Förderung würdig, damit diese Kunstrichtung die vom Staat gewollte gesellschaftliche Ordnung umsetzt, realisiert und daher auch legitimiert.

Das Bild der Person reflektiert die Vorstellung der herrschenden Macht über einen vollkommenen Menschen. Dieser wird in der Gesellschaft in offiziellen Bildern gezeigt. In diesem Prozess hat sich die Sprache der Ästhetik entwickelt und mit der Zeit präzisiert. Weiterhin sind in dieser Entwicklung Arbeitstechnik, Objekt, Perspektive, Komposition und Stil im Dienste der zu verbreitenden Botschaften genutzt worden.

In den uns erhaltenen Skulpturen des antiken Griechenlands und Roms sind wir Zeugen von Plastiken, die in der Form der Vollkommenheit gleichen. Diese in der Antike existierende Vollkommenheit, Transparenz und Schönheit wurde in starken Körpern in den Propagandabildern der Ostblockländer weiterverfolgt. Der Körper des Menschen wurde in unterschiedlichen Szenen ein Werkzeug zur Demonstration eines Vorbilds für den Menschen in einem neuen Leben. Die starken Darstellungen von Männern und Frauen,  welche Kraft, Gesundheit und Fähigkeiten eines Sportlers präsentieren, haben wir wiederholt gesehen, Entschlossenheit, Stolz, und Unbeugsamkeit, sowie die Vollkommenheit und Dynamik des ganzen Körpers beherrschen die Posen in den verschiedensten Bildern. In diesen Statuen und Bildern wird kein Körper gezeigt, der nicht die vollkommenen Proportionen eines Körpers oder Gesichtes zeigt. Menschen werden sich in gleichen Formen ähnlich. Falls eine Person sich aus der Menge absetzt, oder alleine dargestellt wird, ist sie meist ein Vorbild. Nur die Führer mit ihrer Individualität haben das Privileg, nicht gleich zu sein. Sogar die Führer oder die besonderen Persönlichkeiten sind nicht gegen die idealen Proportionen immun. Ihre Abbilder und Statuen müssen heroen- und sagenhaft sein oder in Szenen mit romantischen Posen – idealisiert – dargestellt werden, ernst oder freudestrahlend.

Die chinesische Bronzestatue von Marx in Trier stammt aus dieser Tradition und von einem von ihr geprägten Künstler. Die Größe mit den entsprechenden Körperproportionen, ernster Blick, einfache Linien, die den gesamten Blick auf den Kopf lenken, sind kein Zufall. Dieser chinesische Marx muss riesengroß sein und über den normalen Menschen stehen, er muss einer höheren Schöpfung angehören und darf nicht gewöhnlich sein. Um sein Niveau zu erreichen, muss der Mensch Treppen hinaufsteigen. In seiner Nähe nehmen sich die Betrachter noch einsamer und noch kleiner wahr. Sie können Marx’ Blick nicht folgen, weil er viel „größer“ ist. Der Trierer Marx ist ein exklusiver Marx, stolz, nicht aufgeschlossen oder ansprechbar, mit engen und kühlen Augen, gleichgültigem Blick, indifferent gegenüber seiner Umgebung. Der steife Oberkörper vermittelt den Eindruck eines starren Charakters, der nur mit der mechanischen Bewegung des Unterkörpers fortschreitet. Je länger wir ihn uns anschauen, desto entfremdeter werden wir jenem Marx, den wir kennengelernt haben.

Weishan verlässt bei seinen Auftragsarbeiten nicht die offiziellen Prinzipien. Auch in diesem Werk werden nicht die Formen und Ausdruck der Ästhetik der Partei oder der chinesischen Regierung übersehen. Der Vertreter des chinesischen Ministeriums sagte bei der Enthüllung des Denkmals, dass dadurch die Attraktivität und Größe von Marx zum Ausdruck gebracht worden sei. Vielleicht ist dieser Satz ein Zeichen dafür, wie das qualitative Verständnis ist. Die Quantität ist das Instrument zum Ausdruck der Qualität. Folglich stellt sich die Qualität durch Quantität dar. In China werden große Statuen und überdimensionale Gebäude sehr verehrt und können leicht gefunden werden. Vielleicht wird hier durch die Größe das Marx-Denkmal dechiffriert. Die Qualität von Marx war dem Künstler und seinen Auftraggebern 5,5 Meter wert. Im Gegensatz zu Europa wird vielleicht in China für das Zeigen großer Bedeutung große Quantität, zum Beispiel durch große Volumen, angewendet. Wir kennen die riesengroßen Denkmäler von Mao.

Der Künstler arbeitet bei seinen monumentalen Werken sehr sorgfältig und nicht zufällig. Er stellt mehrfach Modelle her. Er sucht die Ordnung und die Harmonie … Details und Kompositionen … vermittelt oder ergänzt die Botschaft durch diese. Manche der Botschaften können durch semiotische Analysen oder durch vergleichende Untersuchungen entdeckt werden. Manche andere sind das Resultat der Einstellungen und des Stils des Künstlers und können daher nur durch Auseinandersetzung mit diesen erkannt werden. Der zeitliche Kontext, der Aufstellort und deren Beziehungen, sowohl zum Thema als auch zum Objekt, können zusätzlich der Interpretation helfen. Das Objekt Marx wird in jedem Kontext eine politische Kommentierung nach sich ziehen. Die zeitgenössischen Diskurse werden ihrerseits auch die künstlerischen Interpretationen beeinflussen. Es kann auch möglich sein, dass die Absichten des Künstlers nicht gelüftet werden, sondern eher wie ein Geheimnis im Inneren der Statue bleiben und diese selbst zum Gegenstand vielfältiger Interpretationen und Kontroversen machen.

Wie bereits erwähnt worden ist, befindet sich die Statue auf einem Sockel. Dieser besteht aus drei aufeinander gelegten fünfeckigen Basaltplatten. Diese sind jedoch nicht zentrisch aufeinander positioniert, sondern derart, dass der Schwerpunkt zur Bewegungsrichtung, also Richtung Westen, der Statue verlagert ist. Aus einer linken politischen Position könnte die Bewegung Richtung Westen als Ironie aufgefasst werden. Aus einer anderen Position könnte es als eine Abkehr vom Osten und Zuwendung zum Westen interpretiert werden. Eine andere Symbolik ist die herabhängende, passive linke Hand, während die rechte Hand aktiv ist und eine Pose darstellt. Das rechte Bein ist vorne und das Linke hinten. Die Statue kann von vorne in zwei vertikale Hälften eingeteilt und entsprechend interpretiert werden. Die linke Hälfte ist statisch, während die rechte Hälfte dynamisch ist. Besonders bei Statuen dieser Größe wird nichts dem Zufall überlassen.

Bei allen uns bekannten Marx-Statuen ist der Versuch unternommen worden, einen älteren und denkenden Mann darzustellen, welcher mit großen und präzisen Augen in die Ferne blickt. Bei den diversen Statuen sind den Fähigkeiten und den Wünschen der Künstler entsprechend unterschiedliche Aspekte von Marx, seiner Philosophie, Charakterzügen, oder andere Merkmale hervorgehoben worden. Aber der Unterschied zwischen den früheren Marx-Statuen und dem chinesischen Marx ist, dass hier Marx in die Dimensionen und die Normen der Ästhetik des chinesischen Staates gepresst worden ist.

Marx hat für das Studium im Alter von 17 Jahren Trier verlassen und ist nie wieder zurückgekehrt. Zurzeit steigt die Zahl der Touristen, die Marx Geburtsstätte und deshalb die Stadt besuchen wollen. Seit einigen Jahren hat sich die Stadt ihres „Sohnes“ erinnert. (Jährlich besuchen etwa 150.000 Reisende aus China die Stadt, um das Marx-Geburtshaus zu besuchen.) Seit dem Jahr 2015, seitdem China den Vorschlag einer Marxstatue der Stadt Trier gemacht hat, hat die Stadt das Potenzial der TouristInnen und PilgerInnen für die Stadt entdeckt und hat sich durch Planungen und Konzeptionen für die Profitgenerierung auf den 200. Jahrestag der Geburt von Karl Marx vorbereitet. Für die Stadtverwaltung haben die Statue und das Marx-Haus, rein aus wirtschaftlichen und touristischen Aspekten, an Bedeutung gewonnen.

Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass die Bronzestatue von Marx ein Geschenk der chinesischen Regierung an die Stadt Trier ist. Der Bürgermeister hat in einem Gespräch festgestellt, dass der gesamte Prozess durch ihn und sein Team begleitet wurde und so jede Überraschung vermieden worden sei. Der Autor geht davon aus, dass die Stadtverwaltung die Sprache der Ästhetik jener totalitären Systeme kennt. Eine Marxstatue, die die Klischees der Niederlagen der osteuropäischen Staaten bedient, ist besser als eine Darstellung von Marx als Denker und Humanisten, der mit Liebe an der Seite der werktätigen Klasse steht. Das Problem in Trier ist das gleiche, das Che Guevaras Vermächtnis erfahren musste. Marx muss zu Micky Mouse und Trier zum Disneyland werden. Marx soll nicht mehr durch sein Denken und seine scharfen Analysen die Massen über die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse aufklären, sondern sein Konterfei auf Schlüsselanhängern, Tassen, Unterhosen, Strümpfen usw. anbieten.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass aus Sicht der Organisatoren dieser chinesischen Statue keine Revolution in der Weltansicht von Marx zu entdecken ist. Praktisch ist der große Körper eines Mannes ohne Charakter oder Botschaften geschaffen worden. Ein Gesicht ohne Ausdruck, ein marktgerechter Körper, der gleichgültig im Winde steht oder spaziert. Keine Spur vom standhaften und analytischen Denker Marx, der in die Zukunft blickt.

Es sei erlaubt, sich vorzustellen, wie eine Gesellschaftsordnung, die auf Ausbeutung und Mehrwert aufgebaut und organisiert ist, ihren berühmtesten Kritiker und Opponenten darstellen sollte, könnte, würde. Diese Statue, die den Zweck des Marketing und der Vermehrung der Touristen für Trier dient, ist gleichzeitig eine negative Werbung für Marx selbst und sein Vermächtnis. Sie glauben, Marx besiegt zu haben. Sie haben keine Angst mehr vor diesem revolutionären und beliebten Philosophen! Sie stellen ihn so dar, wie sie ihn sich wünschen, tot und ungefährlich. Mit einem Monumentalen Marx feiern sie den Tod des revolutionären Marx und die Geburt des ungefährlichen Marx.

Den Text beende ich mit einem Auszug aus der persischsprachigen Homepage Naghd (Deutsch: Kritik) anlässlich des 200-jährigen Geburtstags von Marx:

„Einzigartig ist er, nicht jedoch als eine charismatische Gestalt, nicht als ein Messias  eines betrügerischen Himmels auf Erden, nicht einmal als ein durch und durch reiner und fehlerfreier Mensch ohne Makel und Falten, und nie gleich dem Schöpfer einer vollständig einheitlichen,  unbeteiligten,  zweifels- und widerspruchsfreien Lehre. Er ist ein realer Mensch mit all seinen Siegen und Niederlagen, mit all seinen Leiden und Freuden, voller Liebe und Hass und Größe und Neid, wie alle anderen Menschen auch. Nein, Marx ist einzigartig wie ein Meilenstein in der Geschichte des Lebens und des Denkens der Menschheit. Er ist einzigartig wie ein Wendpunkt und teilt die Geschichte der Menschen in eine Zeit vor und nach ihm. Er ist einzigartig wie eine unumkehrbare Kritik. Er ist Ohnegleichen, weil er kein betrügerisches Paradies verspricht. Er enthüllt nur die Geheimnisse jenes betrügerischen Paradieses, das sich das Ende der Geschichte nennt. Marx ist beispiellos sowohl für seine Freunde als auch für seine Feinde. Auch wenn seine Freunde von seiner Einmaligkeit nicht immer wissen, so haben doch seine Feinde dies längst erkannt und zittern immer noch in der tiefsten und finstersten Dunkelkammer ihrer Angst vor seinen intellektuellen Fähigkeiten und seiner kämpferischen und radikalen Kritik.“

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