Zur aktuellen Streikbewegung der Lehrer*innen im Iran.

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Zur aktuellen Streikbewegung der Lehrer*innen im Iran. (Dezember 2021)

…Im breit gefächerten Spektrum der jüngsten sozialen und politischen Kämpfe der iranischen Werktätigen nehmen die Lehrerinnen einen hervorragenden Platz ein. A) Ihr Hintergrundwissen eben als Lehrerinnen,
B) die im iranischen Schulsystem tief sitzende Misere, mit der sie in ihrem täglichen Berufsleben konfrontiert sind,
C) Ihre niedrigen und monatelang nicht ausgezahlten Löhne, Gehälter und Renten,
bilden die geistige und materielle Basis ihres weit über die Schulhöfe hinaus reichenden Engagements.

Die heutige Lektion auf der Straße: : Eins ist nicht gleich eins

Mit dem Beginn des neuen Schuljahres im September 2021 kam es in allen Landesteilen immer wieder zu Protest-Ansammlungen der Lehrerinnen; sie forderten u.a.: Angesichts der galoppierenden Geldentwertung und Inflation auf der einen Seite und Preiserhöhungen auf der anderen Seite sofortige Angleichung ihrer Löhne, Gehälter und Renten! Zu ihren weiteren Forderungen gehörte z.B. bessere die Ausstattung des Schulbetriebs! Für das bessere Verständnis der zweiten Forderung ist es sinnvoll hier anzumerken; besonders in den ländlichen Regionen Irans dienen oft Scheunen, Baracken, Hütten ja sogar Zelte als Schulen und Unterrichtsräume, von fehlenden hygienischen Einrichtungen und anderen Mitteln und Möglichkeiten ganz zu schweigen… Anfang Dezember 2021 gaben die Lehrerinnen-Verbände in einer gemeinsamen Erklärung bekannt: „Da die Regierung unseren Forderungen keine Beachtung schenkt, rufen wir zu einem landesweiten Streik auf.“ Die Streikaktionen wurden trotz Einschüchterungsversuchen und willkürlicher Festnahmen für den 11./12./ u. 13. Dezember 2021 geplant und durchgeführt. Während der ersten zwei Tage fiel der Unterricht aus und die streikenden Lehrerinnen versuchten, mit der Umgehung der Zensur soweit es ging, ihre Forderungen publik zu machen. Am dritten Tag gab es laut Streikplanung Straßen-Demonstrationen. International bestätigte Meldungen besagen, dass am 13.12.21 Zehntausende Demonstrierende in mehr als 120 Städten unterwegs waren. Sie prägten nicht nur stundenlang das Stadtbild der Hauptstadt Teheran und anderer Großstädte wie Shiraz, Tabriz, Esfahan, Sanandaj, Mashad, sondern ebenso kleinerer Städte der entfernt liegenden Provinzen. In diesen Tagen gab es auch Solidaritätsaktionen der Schülerinnen mit ihren streikenden Lehrerinnen. In einer Erklärung der Schülerinnen hieß es u.a.: „Heute waren unsere Schulen zu, der Unterricht fand aber auf der Straße statt und wir lernten dabei, wie man sich für seine Forderungen einsetzen kann.“ Die Rednerinnen der drei Streiktage warfen dem Regime Trickserei, Lügen, Hinhaltetaktik und falsche Versprechungen vor und Ihre Forderungen lauteten u.a.: Freilassung ihrer inhaftierten Kolleginnen wie Rasoul Bodghani ‒ der als aktives Mitglied des Lehrerinnen-Verbands im Zusammenhang mit der Streikaktion verhaftet wurde ‒ ebenso Esmail Abdi, Mehdi Fathi und Mohammad Reza Ramezanzadeh. Weitere Schwerpunkte Ihrer Forderungen waren: Kostenlose Schulbildung für alle Schülerinnen in ganz Iran und die Angleichung der Gehälter und Renten der beschäftigten und pensionierten Kolleginnen an die gewaltig gestiegenen Lebenshaltungskosten. Der koordinierende Rat der iranischen Lehrerinnen-Verbände veröffentlichte am 14.12.2012 folgende Erklärung über unsere Forderungen und die Fortsetzung der Proteste: „…Zur Kenntnisnahme unserer Mitglieder, die Streikaktionen wurden dank eurer aktiven Teilnahme erfolgreich durchgeführt. Nach ausführlichen Beratungen wurde folgende Entscheidung getroffen: Wir werden den verantwortlichen Stellen der Regierung acht Tage Zeit geben, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden, werden wir entschlossener und stärker als bisher auf die Straße gehen…!“

  1. 2021
    Gewerkschaftliche Initiative (Rhein-Main) für freie gewerkschaftliche Betätigung und Organisation im Iran.
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